Lernen

Lernstrategie als Student: Quantität über Qualität

… zumindest anfangs.

Es ist 2008. Das erste Semester BWL an der Uni Köln war keine Glanzleistung. Die Finanzkrise nimmt fahrt auf. Um in diesem Marktumfeld am Ende zu bestehen, benötige ich zwei Dinge:

  • ein gutes Zeugnis, d.h. gute Noten
  • ein oder zwei aussagekräftige Praktika. Um die zu bekommen, ist mein Lebenslauf zu dünn. Ich benötige also als “Türöffner” erneut… gute Noten.

Nice.

Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich habe also nur eine einzige Aufgabe: gute Noten schreiben.

Wie schreibt man gute Noten?

Indem man in Klausuren innerhalb des Zeitlimits alle Aufgaben richtig beantwortet. Das setzt die folgenden Komponenten voraus:

  • Verständnis
  • Geschwindigkeit beim Lösen der Aufgaben
  • Ruhe und Gelassenheit

Leider bin ich 2008 davon weit entfernt.

Die Inhalte an der Uni sind anders als in der Schule:

  • in jedem Modul gibt es mehr zu Wissen als im Abitur
  • die Erläuterungen sind knapper und nicht so kleinschrittig/detailliert
  • die Eigenverantwortung beim Erarbeiten ist deutlich höher

Ich habe mir bis dato noch nie etwas selber beigebracht und neun Monate wichtige (aber simple) Arbeit während des Zivildiensts haben auch nicht zu kognitiven Höchstleistungen angeregt.

Also fängt man halt mal an

Nachdem ich die Klausuren des ersten Semesters unterschätzt habe, muss also im zweiten Semester die Lernstrategie angepasst werden. Mangels besserer Ideen erhöhe ich die Quantität des Lernens:

einfach früh regelmäßig und stumpf lernen. Der Fokus liegt zunächst auf stumpfem Wiederholen und nicht auf Verständnis.

Das Vorgehen zahlt sich aus und ist nachfolgend zusammengefasst.

Ablauf

  • 5 Wochen vor der Klausur: Ich mache mir einen Stapel mit allen Übungsaufgaben. An 2-3 Stunden pro Tag und lerne ich immer und immer wieder die selben Aufgaben in der selben Reihenfolge.

Dabei rechne ich sie mit jedem Durchlauf neu. Mit Stift,Papier und Taschenrechner. Nicht auf dem Tablet, nicht im Kopf, nicht am PC. Ich bemühe mich redlich alles zu verstehen, investiere aber nicht zu viel Zeit, Unklarheiten im Detail zu verstehen. Mit jedem Versuch füge ich hoffentlich ein kleines Puzzleteil in das Puzzle des Verstehens hinzu.

  • 2-3 Wochen vor der Klausur: Ich teile die Aufgaben. Die Aufgaben, die ich zu 100% richtig lösen kann, rechne ich ein letztes Mal und nehme sie aus dem Stapel zu lernender Aufgaben.

Es bleiben in jedem Durchlauf nurnoch die Aufgaben übrig, die ich noch nicht sicher lösen kann. Jetzt ist Zeit jede Aufgabe auch mal intensiver zu durchdenken und Unklarheiten etwas länger zu adressieren. Das Vorgehen wiederhole ich bis 3-4 Tage vor der Klausur. Der Stapel wird immer kleiner. Gleichzeitig füllt sich ich die Lernzeit mit Inhalten später stattfindender Klausuren.

  • 3-4 Tage vor der Klausur: Ich füge alle Aufgaben, auch die, die ich bereits kann, wieder dem Lernpool hinzu und löse jede Aufgabe erneut.

Die Aufgaben, die ich bis dato nicht verstanden habe bzw. deren Lösungsschritte ich mir nicht merken kann, schaue ich mir am Morgen vor der Klausur nochmal intensiv an.

Vorteile der Strategie

Mit zeitlichem Abstand kann ich den Dingen auch einen Namen geben und die zugrunde liegenden Konzepte benennen:

  • Lösen von Aufgaben mit Stift und Papier simuliert die Klausursituation.

Der Vorteil war 2008 noch nicht so ausgeprägt wie heute, denn damals gab es noch nicht wirklich Tablets auf denen man schreiben kann. Durch Schreiben mit Stift und Papier trainiert man die Handmuskeln und kann eher 90 Minuten durchschreiben verglichen mit “im Kopf lösen” oder schreiben auf dem Display.

  • Deliberate Practice: durch die Konzentration auf die Aufgaben, die man noch nicht beherrscht räumt man schrittweise offene Fragen aus
  • Spaced Repetition Learning: durch das immer und immer Wiederholen der Aufgaben bleiben sie im Gedächtnis. Die Wiederholung aller Aufgaben in den letzten Tagen vor der Klausur unterstützt hier.
  • Geschwindigkeit: durch das dutzendfache Wiederholen von Aufgaben kann man sie in der Klausur routiniert und schnell lösen und gerät nicht in Aufregung. Das Gefühl, die Aufgaben quasi auswendig zu können reduziert auch die Nervosität.
  • Sozialleben: täglich 2-3 (in der Klausurphase. 4-5) Stunden lernen erlauben noch ein ausgeprägtes Sozialleben samt reinem Gewissen. Mit 10-12 Stunden Sessions wäre das nicht möglich gewesen.
  • Es ist simpel. Man befolgt eine (zugegeben: doofe) Struktur, entlastet sich aber dadurch kognitiv.